H&M Recycling - gute Sache oder reines Greenwashing?

H&M Recycling - gute Sache oder reines Greenwashing?

H&M Recycling – gute Sache oder reines Greenwashing?

Sicher habt ihr alle schonmal von der Textilrecycling-Aktion von H&M gehört. Als Kunde bringt man eine Tüte aussortierter Kleidung, egal in welchem Zustand, mit in die Filiale, um sie dort gegen einen 15% Rabatt Gutschein einzutauschen. Wir haben uns gefragt, was es mit dem H&M Recycling auf sich hat. Wird sich H&M nach und nach doch seiner ökologischen und sozialen Verantwortung bewusst, oder springt der Konzern nur auf den grünen Zug mit auf und betreibt Greenwashing? Genau das wollen wir mit diesem Artikel unter die Lupe nehmen.

Das sagt H&M zur Recycling-Aktion

Zunächst einmal die Darstellung der Aktion seitens H&M. Auf deren Website wird genau aufgelistet, was mit den Textilien passiert und wofür sie verwendet werden. H&M listet mehrere Möglichkeiten auf, was mit der abgegebenen Kleidung geschehen kann, dass sie in jedem Fall recycelt wird, und nicht nur eine einzige Faser auf dem Müll landet.

Als erstes wird die gesammelte Kleidung zu einer Sortieranalge gebracht. Gut erhaltene, noch tragbare Kleidung wird weltweit als Second-Hand Ware weiterverkauft. Untragbare Kleidungsstücke werden zum Recyceln oder Upcyceln verwendet. Beim Recyceln werden die Textilien zu Textilfasern verarbeitet, aus dem dann wiederum Garn für neue Kleidung gesponnen wird. Hier verweist H&M auch direkt auf die eigene Conscious-Initiative, eine Kollektion, die zu 20-30% aus Fasern von Alttextilien besteht. Aus den Altkleidern, die zum Upcyceln verwendet werden, werden beispielsweise Putzlappen. Auch Metallteile, wie Knöpfe oder Reißverschlüsse, werden in irgendeiner Form wiederverwendet oder weiterverarbeitet. Mit diesen drei Optionen können laut H&M 99% der abgegebenen Kleidungsstücke wieder in den textilen Kreislauf zurückgeführt werden. Die restlichen 1% werden zur Energiegewinnung genutzt.

H&M betont, dass das Unternehmen von den abgegeben Textilien finanziell nicht profitiert. Und dass etwaige Erträge an wohltätige Organisationen gespendet oder in Recycling-Innovationen investiert werden. So weit so gut. Das hört sich bis hierhin ja eigentlich recht positiv an. Doch das ist natürlich nur die Selbstdarstellung des H&M Recycling durch das Unternehmen, klar, dass da alles ganz toll klingt, und als einzige Quelle ist das sicher nicht ausschlaggebend. Wir wollten es natürlich genauer wissen und haben recherchiert…

 

H&M-Recycling-Greenwashing-tag

 

Die Altkleidermarkt-Problematik

Hin und wieder trennt sich ja jeder von uns von gebrauchten Kleidungsstücken. Zunächst unabhängig vom Zustand der Kleidung muss sich dabei jeder mit der Frage auseinandersetzen, was mit den aussortierten Textilien geschehen soll. Sind die Klamotten noch in einem guten Zustand, besteht die Möglichkeit, diese an Geschwister, Freunde usw. weiterzureichen oder sie zu verkaufen. Bei uns Schwestern besipielsweise funktioniert das seit Jahren schon recht gut. Schwieriger wird es, wenn man keinen Abnehmer für die Kleidung findet, sei es aus modischen Gründen, oder dass die Kleidung doch schon „zu“ abgetragen ist. Eben solche Kleidungsstücke landen dann häufig in Altkleidercontainern, da sie ja noch tragbar sind und der Kleiderspender die Aufgabe, einen Abnehmer für die Altkleider zu finden, auf jemand anderen übertragen kann.

Auch Eva und ich waren natürlich selbst schon mit vollen Tüten vor den Altkleidercontainern gestanden. Und mit jedem Mal wurde die innere Stimme immer lauter, die fragte, ob das eigentlich die richtige Lösung für unsere Altkleider ist. Man hat ja schon die unterschiedlichsten Positionen zu dem Thema gehört. Einerseits geht man davon aus, dass die Textilien in irgendeiner Form recycelt oder weiterverwendet werden, was einem sofort das Gefühl gibt, richtig gehandelt zu haben, insbesondere wenn Logos wie das Rote Kreuz oder ähnliche auf den Containern zu sehen sind. Andererseits wurden in der Vergangenheit auch immer Stimmen laut, die behauptet haben, unsere in afrikanischen Ländern verkauften Altkleider würden die dortige Textilindustrie zerstören.

 

H&M Recycling Greenwashing Jaimie liegend
Das ist in der Tat ein zweischneidiges Schwert. Westliche Second Hand Kleidung hat sich auf afrikanischen Textilmärkten als begehrte und preiswerte Alternative zur traditionell hergestellten Kleidung durchgesetzt. Eine Tatsache, die die letzten Jahrzehnte stark kritisiert wurde. Mittlerweile wird die Situation jedoch auch aus anderen Perspektiven betrachtet: der globale Altkleiderhandel hat über die Jahre zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Er hat sich zu einem Industriezweig entwickelt, an dem sich tausende von Arbeitsplätze gebildet haben: vom Einsammeln und Sortieren der Altkleider in unseren Ländern bis hin zum Warenein- und Verkauf durch Händler auf den afrikanischen Textilmärkten. Die Zufuhr einfach zu stoppen, wäre da auch nicht die richtige Lösung.
Natürlich ist es schwierig, die tatsächliche Situation in den Hauptabnahmeländern zu beurteilen, ohne jemals selbst vor Ort gewesen zu sein. Doch die meisten (aktuellen) Quellen, die wir auf unserer Recherche für diesen Artikel durchforstet haben, stellen das Szenario des globalen Altkleiderhandels längst nicht mehr so dramatisch dar, wie das noch vor einigen Jahren der Fall war.

H&M Recycling: Altkleidermarkt als Geschäftsmodell

Dass Altkleider gesammelt und weiterverwendet oder verkauft werden ist nichts Neues. Vor allem wohltätige Organisationen sind dafür bekannt, Altkleider zu sammeln und sie an Bedürftige weiterzureichen oder für kleines Geld weiterzuverkaufen. Aus den Einnahmen werden soziale Projekte finanziert. So der Idealfall.

Was andere Organisationen mit der gespendeten Kleidung machen, entzieht sich leider meist dem Blick des Spenders. Was, wie bereits oben erwähnt, sicher bei dem ein oder anderen die Frage aufkommen lässt, ob die Kleidung wirklich bei den richtigen Personen ankommt oder zumindest anständig recycelt wird.
Tatsache ist, dass Altkleider ein lukratives Geschäft darstellen. Das hat wohl auch H&M in den letzten Jahren erkannt, und seine Recyclingaktion ausgeweitet. Obwohl das Unternehmen versichert, keinen direkten Gewinn aus der gesammelten Kleidung zu erwirtschaften, profitieren sie von dieser Aktion enorm.Eva, die Marketing studiert hat, sagt dazu folgendes:

„So viel muss man H&M lassen, es ist eine absolut geniale Marketingstrategie!“

Folgende Punkte sollen das verdeutlichen:
1. Imageaufwertung durch das H&M Recycling. Selbsterklärend. Mit der Recyclingaktion springt das Unternehmen auf die Nachhaltigkeitswelle auf und versucht, sich ein grüneres Image zu verschaffen. Aus Marketingsicht ein notwendiger Schritt, da Themen wie ökologisches Bewusstsein und Nachhaltigkeit immer mehr an Bedeutung gewinnen, auch in der Fashion-Branche. Bei H&M allerdings mehr Schein als Sein. Dass das Unternehmen alles andere als sozial und umweltfreundlich produziert, dürfte jedem bekannt sein.
2. Etablierung auf dem Altkleidermarkt. Gehen wir davon aus, dass H&M wirklich keine reinen Gewinne durch den Handel mit Altkleidern verbucht, sondern das Geld in die Forschung von innovativen Recyclingverfahren steckt. Dann klingt das meiner Meinung nach immer noch nach Eigennutzen. Ein Teil der recycelten Kleidung wird ja auch für eigene Kollektionen wiederverwendet. Damit muss H&M nicht erst Altkleider von einem anderen Anbieter „abgreifen“, sondern hat direkt seine eigene Quelle. Noch dazu dient die Recycling-Forschung und Recycling-Kollektion natürlich auch wieder der Imageaufwertung.

H&M recycling greenwashing altkleider
3. „Belohnung“ des Kunden durch Rabattierung. H&M zielt damit speziell auf diejenigen, die sich wenig oder gar nicht mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen oder das H&M Recycling schlichtweg nicht hinterfragen. Ein uninformierter Kunde würde die Aktion also erst einmal für gut befinden, da Recycling an sich ja etwas Positives ist. H&M nutzt die Unwissenheit des Käufers aus und gibt ihm das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, indem er seine Altkleider bei H&M abgegeben hat.

Oben drauf bekommt er dafür sogar noch einen 15% Gutschein, den er für den Kauf seines nächsten Artikels verwenden kann. Damit hat H&M es zum Einem geschafft, dass der Kunde die Entscheidung getroffen hat, seine Kleidung bei H&M abzugeben, statt unentgeltlich an wohltätige Organisationen zu spenden. Zum Anderen, dass er den Laden betritt und womöglich seine ausrangierte Kleidung gleich durch Neuware von H&M ersetzt. Und das mit dem guten Gewissen, etwas Tolles im Sinne der Nachhaltigkeit getan zu haben. Die Altkleider werden benutzt, um die eigene, neue Kleidung zu verkaufen.
Einen knallharten Bericht zum H&M Recycling findet ihr auch bei der WirtschaftsWoche.

 Mehr Schein als Sein

Ich denke es ist nicht schwer, herauszuhören was wir vom H&M Recycling halten. Natürlich ist es aber immer noch besser seine Kleidung überhaupt irgendwo abzugeben, wo dafür gesorgt wird, dass die Textilien recycelt werden, als das sie im Müll landen. Auch wenn es H&M ist. Uns ist jedoch wichtig, dass zumindest bekannt ist, dass H&M das sicher nicht aus reiner Wohltätigkeit tut. Hinter der Recycling-Aktion steht eine ganze Menge Geld, würde es sich aus finanzieller Sicht nicht lohnen, würde H&M die Kampagne sicher nicht weiterführen.
Mit nachhaltigem Denken hat das unserer Meinung nach wenig zu tun. Wäre dies der Fall, müsste H&M wohl eher das Übel an der Wurzel packen und sich dafür einsetzen, dass die Produktionsbedingungen in den Herstellerländern verbessert werden. Schön wäre auch, wenn Kleidung nicht nur als “Saisonware” produziert wird.
Problematisch ist natürlich auch, dass H&M durch die Recycling-Aktion wohltätigen Organisationen, die vorrangig auf dem Altkleidermarkt vertreten waren, die Altkleider „wegschnappt“. Die letzten Male, als ich noch gut erhaltene Kleidung aussortiert habe, weil sie einfach zu „Schrankleichen“ geworden waren, hat ein Teil davon in meinem Freundeskreis einen glücklichen Abnehmer gefunden.

Den Rest habe ich zu Oxfam oder dem Second-Hand Laden des DRK bei mir um die Ecke gebracht. Da weiß ich zumindest, dass damit soziale Projekte finanziert werden oder die Kleidung direkt an Bedürftige weitergereicht wird.
Mal abgesehen davon, wie wir letztendlich mit unseren Altkleidern umgehen, ist das eigentliche Problem leider, dass wir viel zu viele davon haben. Allein in Deutschland werden eine Million Tonnen Alttextilien gesammelt. Und die Zahl steigt weiter an. Wenn ihr mehr dazu erfahren wollt, schaut mal bei fairwertung vorbei.

Was haltet ihr vom H&M Recycling? Findet ihr, wir urteilen zu streng? Und was macht ihr mit Kleidungsstücken, von denen ihr euch trennen wollt?

3 Kommentare
  1. Hallo ihr zwei,
    erstmal super, dass man nun wieder auf eure Seite zugreifen kann, habe da seit dem ich euch bei Instagram gefunden habe ewig drauf gewartet.
    Ich finde den Artikel super und ich sehe das ähnlich wie ihr. Auch wenn ich erst so langsam mich bewusst mit fairer Mode auseinandersetze, kenne ich es seid Kindheitstagen, das Klamotten entweder im in Familien- oder Freundeskreis weitergegeben wurden und alles andere dann zur Kleiderspende gebracht wurde. Daher fand ich damals die Aktion von H&M, als sie neu aufkam, echt gut. Aber nur für eine Sekunde und zwar bis ich dann den Satz mit dem Einkaufsgutschein las. Klar habe ich und kaufe ich leider immer noch bei H&M ein, aber als Schülerin war eben der Geldbeutel noch nicht so groß und den Luxus des “endlich nicht mehr rauswachsens” hat man in der Pubertät auch nicht. Dennoch war mir schon immer klar und wurde mir immer mehr bewusst, dass die Kleidung eben nicht ohne Grund so günstig ist. Daher fand ich den Ansatz mit dem Einkaufsgutschein auch irgendwie fragwürdig. Auf der einen Seite ein wirklich positiver Schritt, um dann aber den Konsum unfairer Kleidung wieder anzutreiben.
    Marketingtechnisch natürlich ein Geniestreich, aber keine wirkliche Besserung.

    By the way: Ich finde es gar nicht so leicht faire bzw. Secondhand Kleidung offline zu shoppen. Ich würde ja gerne mehr Second-Hand Läden in allen Städten sehen und nicht nur in Großstädten. Aber es scheint noch nicht überall so angekommen zu sein, dass es sich lohnt auch in solchen Läden zu stöbern. Online finde ich für mich, was Second Hand betrifft, immer sehr schwierig, denn ich hab eine schwierige Haut und Passform und müsste eigentlich immer erst die Kleidung anprobieren. Aber mit Rücksendung ist es ja eher schwieriger. Was bringt es mir daher Kleidung aus zweiter Hand zu kaufen, wenn sie dann bei mir auch nur zur Schrankleiche wird.

    ich bin gespannt auf alles neue und stöbere mal eure älteren Beiträge weiter durch!
    Liebe Grüße
    Franzi

    1. Hallo liebe Franzi,
      Danke für dein ausführliches Kommentar! Es freut uns sehr, dass dir der Artikel gefallen hat.
      Sich von ein auf den anderen Tag komplett auf fair produzierte Mode umzustellen halte ich für sehr schwierig, es ist eher ein Prozess. Wir sind auch immer noch auf der Suche nach der “idealen” Lösung wenn es darum geht, Kleidung zu kaufen. Mit Second Hand ist das natürlich so eine Sache, da muss man schon Glück haben, bzw. die richtigen Shops kennen. Hier bei mir in Mannheim ist die Auswahl auch sehr eingeschränkt, während man bei Eva in Berlin schon eher einen tollen Fang machen kann. So ist jedenfalls mein Eindruck.
      Und dein Problem mit Onlineshopping kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich mache das eigentlich auch am liebsten im Laden selbst. Mittlerweile kann ich zwar ganz gut einschätzen, ob mir Oberteile stehen könnten oder nicht, aber gerade Hosen muss ich definitv vorher anprobieren. Sachen zu kaufen und dann nicht zu tragen ist natürlich auch nicht Sinn der Sache. In meiner Stadt gibt es zum Glück wenigstens einen Laden mit relativ großer Auswahl an fairer Mode. Ansonsten schaue ich natürlich, dass ich die fairen Läden abklappere, wenn ich bei Eva in Berlin bin.

      Zu H&M: als die Aktion neu war, habe ich damals auch Altkleider abgegeben (und natürlich auch neue gekauft). Es macht auf den ersten Blick ja auch einen guten Eindruck. Deswegen war uns wichtig, das Ganze auch mal zu hinterfragen, damit man sich selbst eine Meinung dazu schaffen kann.
      Wie du schon gesagt hast, ist es für Heranwachsende natürlich nicht gerade leicht, bei schnellem Wachstum und wenig Geld in faire Teile zu investieren. Wenn jedoch schon mal ein Bewusstsein für die Thematik in diesem Alter vorhanden ist, ist das ein guter und wichtiger Schritt. Deswegen ist es meiner Meinung nach so wichtig, sich zu informieren und Dinge auch mal kritisch zu hinterfragen. Erst darauf kann ja eine alternative Handlungsweise erfolgen.

      Danke für deinen Input!
      Sonnige Grüße
      Jaimie

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